Heute vor 40 Jahren

Heute vor vierzig Jahren erhielt ich die Nachricht, dass mein Vater durch einen Sturz aus dem Fenster des Interhotels Astoria in Leipzig gestorben ist. Dass er von seiner Dienstreise als Regierungsdirektor des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Forsten nie mehr zurückkehren würde. Ein Schwächeanfall, hieß es damals. Schon als Elfjährige habe ich nicht begriffen, wie man dabei aus dem Fenster fallen soll. Als Kind deutete ich das Schweigen um mich herum falsch. Vielleicht hat er sich umgebracht, dachte ich, und darüber soll nicht geredet werden.

2003 bekam ich dann wie mein Romanheld einen Anruf, mein Vater sei umgebracht worden. Von der Staatssicherheit. Es hörte sich absurd an. Doch der Vorwurf war so krass, dass ich überzeugt war: Ihn auszuschließen, das zumindest war ich meinem Vater schuldig. Als ich mit der Recherche begann, habe ich gemerkt, dass niemand im Westen die DDR-Version geglaubt hat. Und es gab massive Merkwürdigkeiten. Damit stellt sich die Frage nach einem Motiv. Das war mir lange nicht klar und viele Recherchen waren dafür notwendig.

Die DDR galt offiziell im Westen als siebtgrößte Industrienation der Welt, doch das war nicht überprüfbar, denn die Statistiken waren geschönt. Angeblich hat der Bundesnachrichtendienst im letzten Drittel der achtziger Jahre eine Prognose zur Ökonomie der DDR erstellt und es gab denkbar wenig belastbare Quellen. Eine zehntägige Rundreise, bei der die DDR die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft zeigte, wäre in diesem Kontext durchaus spannend. Vorstellbar ist, dass die DDR meinen Vater für einen Spion hielt. Dokumente gibt es nur wenige, da die HVA, der Nachrichtendienst der DDR, sich als einzige Abteilung der Staatssicherheit selbst auflösen durfte und ihre Akten mit der Zustimmung des Runden Tisches vernichtet hat. Die Reise selbst wurde 1984 auf der höchsten politischen Ebene, dem DDR-Ministerrat, genehmigt. Die HVA verfügte bereits 1985 über eine Liste der Delegationsteilnehmer, auf der dann auch mein Vater gestanden haben dürfte.

Und die Leipziger Messe Agra war ohnehin umfassend abgesichert. Ost-Berlin war überzeugt, dass die USA und die Bundesrepublik Interesse an der DDR-Agrarwirtschaft hatten. Man fürchtete den Abfluss von Wissen in den Bereichen Tier- und Pflanzenschutz sowie Wissenschaft und Technik. Wirkt aus heutiger Sicht etwas paranoid, so mein persönlicher Eindruck. Spannend ist auch, was die DDR laut ihren eigenen Dokumenten verheimlichen wollte: Wald- und Umweltschäden, die Tierproduktionsanlagen und die Fleischindustrie, die zwar die dringend benötigten Devisen brachte, die aber mit enormen Auswirkungen für die Umwelt einherging.

Was für mich aber wichtiger ist als das Motiv: Die DDR hätte meinen Vater umbringen können, ohne dass seitens der Bundesrepublik Konsequenzen gegeben hätte. Mitte der neunziger Jahre gab das Landwirtschaftsministerium in einem mit „VS-Vertraulich“ gekennzeichneten Dokument sogar in Bezug auf den Todesfall meines Vaters schriftlich zu: „Die seinerzeitigen Zweifel bestehen hier nach wie vor“. Getan wurde jedoch nichts. Was mich nachdenklich macht, ist die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland trotz ihrer Zweifel Staatsräson über den Schutz und die Unversehrtheit ihrer eigenen Mitarbeiter gestellt hat.

Was mir zu Beginn auch nicht klar war: Sogenannte “Nasse Sachen” wurden ohnehin nicht dokumentiert und belastendes Material als Erstes vernichtet. Mich hat die hohe Zahl der Verdachtsfälle von Stasi-Auftragsmorden überrascht und auch dass sie de facto nie aufgeklärt werden konnten. Die Fälle des Fußballspielers Lutz Eigendorf oder Matthias Domaschk sind wohl die Bekanntesten. Alleine die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) hat neben den Maueropfern in Dutzenden Fällen von Tötungsdelikten ermittelt. Für die 80er Jahre gibt es meines Wissens auch nur einen gerichtlich nachgewiesenen Fall: Wolfgang Welsch, DDR-Dissident, Fluchthelfer, Publizist und Überlebender von drei Stasi-Mordanschlägen, den ich bei meiner Spurensuche persönlich kennenlernen durfte. Und nur, weil der Täter am Ende gestanden hat, nicht etwa aufgrund von Akten. Ein totalitärer Staat hat eben enorme Möglichkeiten, wenn es darum geht, Spuren zu verwischen. Es war ein Ziel des Romans, diese Prozesse deutlich zu machen. Und da es eben nur Indizien gibt und nicht den einen Beweis, darum ist die Auflösung im Buch natürlich fiktiv.

Mir war wichtig, dass der Fall meines Vaters öffentlich wird und sei es nur in Romanform. Möglicherweise trägt ein Roman sogar mehr zum historischen Verständnis einer Epoche als ein Fachbuch. 40 Jahre hat meine Suche gedauert. In vielen Hochkulturen und Religionen steht die Zahl 40 seit jeher für Zeiten der Prüfung und des Übergangs. Dieser 40. Todestag ist für mich nun die Vollendung meiner Suche, denn dieser Tag ist ein Sieg über das Schweigen.